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»Polemisch mäandrierende Prosa«. Zu Anton Kuhs geistiger Signatur aus Anlaß einer Neuausgabe seines Buchs »Juden und Deutsche«

»Polemisch mäandrierende Prosa«. Zu Anton Kuhs geistiger Signatur aus Anlaß einer Neuausgabe... Selbst für hartgesottene Kritiker des Zionismus bietet Kuhs (1890–1941) Schrift Juden und Deutsche , aus Vorträgen in Prag, Berlin und Wien hervorgegangen und 1921 in Berlin publiziert, erhebliches Provokationspotential. Von den vier streitbaren Widmungsgebern Schopenhauer, Altenberg, Nietzsche und Börne bis zur »aphoristischen Streubüchse« (S. 103) die er über »Kaffeelöffelempiriker« (S. 69) ebenso ausleert wie über »Inzestmißwachs, Schachererotik, Krämpfe der Unnaivität, Überredungstonfall und die Ursprache des Speisezimmers« (S. 99), spannt sich eine nicht immer treffsichere, dafür aber um so anregendere Grundsatzkritik der »Jahrtausendpsychose der Juden« (S. 73). Kilchers mit 58 Seiten überaus umfangreiche und gut informierte Einleitung (im folgenden zit. mit K und Seitenzahl) wie auch der 44-seitige Anhang mit Rezeptionszeugnissen von Max Brod, Berthold Viertel, den Vettern Felix und Robert Weltsch, Elias Hurwicz, schließlich dem Offenbacher Reformrabbiner Max Dienemann, belegt die umfassende Wirkung von Kuhs Vorträgen und Publikationen. Sie verdeutlicht aber auch das komplexe Beziehungsgeflecht zwischen »Prager und Berliner Literaturzirkeln« (S. 20) und die vielfältigen Verknüpfungen zwischen dem seit 1915/1916 umjubelten Salon- und Stegreifredner Kuh und der jüdischen Moderne in Deutschland und Österreich. Als »einer der nervösesten Menschen, mit einem Dutzend Manien und von Bosheit funkelnd«, so Hermann Kesten, und als langjähriger Mitarbeiter des Prager Tagblattes (1912–1937) stand Kuh, der zudem mit der Familie Egon Erwin Kischs verwandt war, im Zentrum der literarischen Avantgarde von 1920. Sich von Weininger und Altenberg ab- und Freud wie Otto Gross zuwendend, demontierte er die Autorität »des Phänomens Kraus« (S. 17), nicht ohne Rückgriff auf die Figur des Affen, die er schon bei Kafka kennengelernt hatte. Mit Kafka verbanden Kuh zudem das Interesse an dem radikal-expressionistischen Zeitschriftenprojekt Blätter zur Bekämpfung des Machtwillens (S. 14 mit Anm. 21, S. 58), und der kalte, vollständig desillusionierte Blick auf die Selbsttäuschungen des assimilierten Judentums (vgl. S. 31/88). http://www.deepdyve.com/assets/images/DeepDyve-Logo-lg.png Aschkenas de Gruyter

»Polemisch mäandrierende Prosa«. Zu Anton Kuhs geistiger Signatur aus Anlaß einer Neuausgabe seines Buchs »Juden und Deutsche«

Aschkenas , Volume 13 (2) – Jul 3, 2004

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de Gruyter
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Copyright © 2004 by the
ISSN
1016-4987
DOI
10.1515/ASCH.2003.543
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Abstract

Selbst für hartgesottene Kritiker des Zionismus bietet Kuhs (1890–1941) Schrift Juden und Deutsche , aus Vorträgen in Prag, Berlin und Wien hervorgegangen und 1921 in Berlin publiziert, erhebliches Provokationspotential. Von den vier streitbaren Widmungsgebern Schopenhauer, Altenberg, Nietzsche und Börne bis zur »aphoristischen Streubüchse« (S. 103) die er über »Kaffeelöffelempiriker« (S. 69) ebenso ausleert wie über »Inzestmißwachs, Schachererotik, Krämpfe der Unnaivität, Überredungstonfall und die Ursprache des Speisezimmers« (S. 99), spannt sich eine nicht immer treffsichere, dafür aber um so anregendere Grundsatzkritik der »Jahrtausendpsychose der Juden« (S. 73). Kilchers mit 58 Seiten überaus umfangreiche und gut informierte Einleitung (im folgenden zit. mit K und Seitenzahl) wie auch der 44-seitige Anhang mit Rezeptionszeugnissen von Max Brod, Berthold Viertel, den Vettern Felix und Robert Weltsch, Elias Hurwicz, schließlich dem Offenbacher Reformrabbiner Max Dienemann, belegt die umfassende Wirkung von Kuhs Vorträgen und Publikationen. Sie verdeutlicht aber auch das komplexe Beziehungsgeflecht zwischen »Prager und Berliner Literaturzirkeln« (S. 20) und die vielfältigen Verknüpfungen zwischen dem seit 1915/1916 umjubelten Salon- und Stegreifredner Kuh und der jüdischen Moderne in Deutschland und Österreich. Als »einer der nervösesten Menschen, mit einem Dutzend Manien und von Bosheit funkelnd«, so Hermann Kesten, und als langjähriger Mitarbeiter des Prager Tagblattes (1912–1937) stand Kuh, der zudem mit der Familie Egon Erwin Kischs verwandt war, im Zentrum der literarischen Avantgarde von 1920. Sich von Weininger und Altenberg ab- und Freud wie Otto Gross zuwendend, demontierte er die Autorität »des Phänomens Kraus« (S. 17), nicht ohne Rückgriff auf die Figur des Affen, die er schon bei Kafka kennengelernt hatte. Mit Kafka verbanden Kuh zudem das Interesse an dem radikal-expressionistischen Zeitschriftenprojekt Blätter zur Bekämpfung des Machtwillens (S. 14 mit Anm. 21, S. 58), und der kalte, vollständig desillusionierte Blick auf die Selbsttäuschungen des assimilierten Judentums (vgl. S. 31/88).

Journal

Aschkenasde Gruyter

Published: Jul 3, 2004

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